27.11.13 Eine kleine Geschichte der WIDEMA

BI WIDEMA :

Eine kleine Geschichte der WIDEMA

Ein Tag im Juli 1998 – schönster Sonnenschein – Temperatur über 30 Grad Celsius. Ein herrlicher Samstag mit den besten Voraussetzungen endlich wieder einmal den Garten, so kurz vor den Sommerferien, auf Vordermann zu bringen. Voller Freude machten wir uns an die Arbeit. Auf der anderen Straßenseite taten es uns die Nachbarn gleich. Man rief sich zu wie toll das …. ???!? „Was, wie bitte?“ Alles laute rufen half nichts. Es war nichts zu verstehen. „Kann ja nur am Rasenmäher liegen!“. Doch der war gar nicht in Betrieb - auch an der Entfernung zum Nachbarn konnte es nicht liegen, da hatten wir schon Übung drin. Nein, es war ein sich näherndes Flugzeug, das langsam die örtliche Stille verschlang und Kommunikation im Freien unmöglich machte- eine vierstrahlige Maschine, die sich mit röhrendem Getöse über unseren Köpfen den Weg über den Taunus Richtung Norden bahnte.

„Nun denn, kann ja schon ´mal vorkommen, der Flughafen muss ja auch leben und irgendwo müssen die Maschinen ja hin“, übte die nachbarliche Gärtnergemeinschaft Nachsicht mit dem störenden Lärmereignis. Doch es blieb nicht bei diesem einen Fluglärmereignis an diesem wunderschönen Sommertag. Bis in die frühen Abendstunden vergällte der dröhnende Lärm der im 2-3 Minutentakt fliegenden Schwermaschinen der gesamten Nachbarschaft die anfängliche Freude auf die schöpferische Arbeit im Freien. Der Fluglärm nahm fortan in den nächsten Tagen, bis in die Abendstunden stetig zu, so dass mit Datum vom 1. Oktober 1998 sogar die Bild-Zeitung titelte: „Armes Delkenheim: 200 Jumbos am Tag!“.

Was war geschehen? Von vielen Bürgern unbemerkt hatte die Deutsche Flugsicherung (DFS) eine „Fluglärmbündelung“ auf der Nordabflugroute eingeführt. Ein dauerhafter unerträglicher Fluglärm hatte die Oberhand über das Leben der Menschen in den nordwestlichen Anrainergemeinden des Flughafens, so auch über Wicker, Delkenheim und Massenheim ergriffen. Die Diskussion über einen weiteren Flughafenausbau hatte nun eingesetzt. Erst später wurde den betroffenen Menschen klar, was hier - geplant und initiiert von Flugverkehrsbranche und Politik – wirklich gespielt wurde. Es war der „vorweggenommene Ausbau des Flughafens in der Luft“ – zu Lasten von einigen kleinen Gemeinden. Große Gemeinden wurden vom zunehmenden Fluglärm ausgenommen um die Menschen nicht bereits zu diesem Zeitpunkt, auch nur ansatzweise darauf aufmerksam zu machen, was ab 2011 noch folgen sollte, die Verlärmung und Verschmutzung, mit feinstofflichen Schadstoffen, der gesamten Region durch den Luftverkehr.

Als Folge dieses Szenarios wurde 1998 die BI WIDEMA gegründet.

Auf einer offenen Fraktionssitzung der CDU Hochheim in Massenheim Anfang September 1999 propagierte der aus dem Polizeidienst kommende, bis 1990 als Hochheimer Bürgermeister und nachfolgend als „Fraport-Beauftragter für externe Kontakte“ tätige Volker Zintel: „Die Diskussion um die Flughafenerweiterung sei nicht durch die FAG (heute: Fraport), sondern von der Lufthansa losgetreten worden“, „Außerdem befolge man nur die Vorgaben der Politik: Anteilseigner sind die Stadt Frankfurt, das Land Hessen sowie die Bundesrepublik.“, und „Frankfurt, neben Amsterdam, London und Paris einer von vier europäischen Hub-Flughäfen verliere ohne eine Kapazitätserweiterung den Anschluss.“, so abgedruckt im Wiesbadener Kurier am 08.09.1999. Im Verlauf der öffentlichen CDU-Fraktionssitzung entwickelte sich ein offener Disput zwischen den WIDEMA-Vertretern und dem Fraport-Beauftragten Zintel über die Notwendigkeit eines Flughafenausbaus und endete mit dem Schlusssatz Zintels: „Am Ende wird die Wahrheit siegen.“

Im Widerstreit von WIDEMA-Vertretern mit Ausbaubefürwortern wiederholten sich solche Dispute des Öfteren in den einzelnen Arbeitsgruppen des Regionalen-Dialog-Forums an dem WIDEMA über mehrere Jahre teilnahm. So auch als der Vorsitzende des RDF Prof. Wörner auf der letzten RDF-Sitzung und im allerletzten Moment versuchte eine Empfehlung für den Frankfurter Fluglärmindex als zukünftigen Maßstab für die Belastung der Bürger durch Fluglärm, entgegen der Auffassung des WIDEMA-Vertreters und anderer, durchzusetzen.

Seit 2002 stellte WIDEMA die durch Lärmmessungen mittels eigener Messgeräte gewonnenen Daten für alle Interessierten auf einer eigenen Website sichtbar ins Internet. Die Darstellung der realen Belastung der WIDEMA-Ortschaften durch Fluglärm war ein Novum zu dieser Zeit. Bei der Überprüfung der von WIDEMA erfassten Lärm-Daten waren regelmäßig Differenzen gegenüber der von Fraport gerechneten und in der Fraport-Zeitschrift „Start frei“ veröffentlichten Daten, die immer knapp unter dem gesetzlich zulässigen Wert schwankten, festzustellen. So wurde denn von WIDEMA gefolgert, dass nicht der gemittelte Dauerschallpegel, sondern die tatsächlichen Einzelschallereignisse der Maßstab der gesundheitlichen Belastung sind. Eine Minderung der Belastung der Menschen in der Rhein-Main-Region kann nur dadurch erreicht werden wenn weniger und nicht mehr geflogen wird. Die Grenze der Belastbarkeit war bereits vor dem Bau der Nordwestlandebahn erreicht.

Eine Video-Simulation des Anflugs auf die Nordwestbahn bei Ostbetrieb, mit Überflug der einzelnen betroffenen Ortsteile, aus Richtung Mainz, wurde erstellt und steht bereits seit 2006 bei WIDEMA im Internet zur Verfügung.

Mittels der Möglichkeit auch Flugbewegungen in Form von Radarspuren aufzeichnen zu können war WIDEMA ab 2005 auch in der Lage die Gesamtbelastung der Region durch aufgezeichnete Flugbewegungen zu visualisieren. Im Querschnitt der Bilder ist eine Höhenstaffelung der Flugbewegungen, nicht nur durch An- oder Abflüge zu sehen, sondern auch der Überflüge des Rhein-Main-Gebiets in größerer Höhe. In der Draufsicht erhält man den Eindruck, dass der Luftverkehr das Rhein-Main-Gebiet in einem Spinnennetz gefangen hält. Bedeutsam sind diese Bilder im Hinblick auf den feinstofflichen Verschmutzungsgrad der Region durch die Vielzahl der Flugbewegungen. Luftverkehrsbranche und Politik haben bisher keine sonderlichen Anstalten gemacht den gesundheitsgefährdenden toxischen Grad durch den Luftverkehr, in Luft und am Boden, für die Bürger transparent erforschen zu lassen. Im Hinblick auf die Klimaschädigung titelte der Spiegel mit Datum vom 30.03.2011: „Erstmals Klimagefahr durch Eiswolken berechnet“. … „Flugzeuge schaden dem Klima gleich mehrfach - neben dem CO2-Ausstoß auch durch Schleierwolken, die sich entlang von Kondensstreifen bilden. Deutsche Forscher haben erstmals ermittelt, wie stark diese die Erderwärmung fördern.“ …

Durch die Anschaffung neuer Flugzeuge, z. B. bei Lufthansa, versucht man die Menschen glauben zu machen, dass man damit den Fluglärm vermindern könne, jedoch werden die neuen Flugzeuge in erster Linie aus Wirtschaftlichkeitsgründen angeschafft. Im Hinblick auf das im Planfeststellungsbeschluss festgelegte Kontingent von 701.000 Flugbewegungen wird es trotzdem zu einer massiven Steigerung der Lärmemissionen kommen - wir stehen nach wie vor erst am Anfang der Kapazitätserweiterung. Über 10 Jahre hatte man Zeit um Lärmminderungen zu planen und umzusetzen. Im RDF wurde unter Teilnahme von WIDEMA ausführlich über die Maßnahmen des „Anti-Lärmpakets“ diskutiert, jedoch wurden die Maßnahmen im Hinblick auf die zukünftig noch massiv steigende Lärmbelastung bis heute nur spärlich umgesetzt. Stattdessen flog man mit alten Maschinen weiter - „Lärm auf Halde“ - bis der Protest unüberhörbar war und stellt sich nun seitens Lufthansa und Politik ob der neuen Flugzeuge als „weiße Ritter“ der Region dar. In HR-Online am 30.10.2013 gab Flughafen-Manager Schmitz zum Besten: „Wir haben eine sehr rigide agierende Bürgerinitiativen-Struktur, die klein ist, aber natürlich ihren Punkt macht.“ Über die Rigidität von Lufthansa wird jedoch seit nunmehr 68 Jahren geschwiegen, nachvollziehbar im Film „Fliegen heißt Siegen - Die verdrängte Geschichte der Deutschen Lufthansa“ (Spiegel Online: http://www.spiegel.de/kultur/tv/lufthansa-doku-in-der-ard-kranich-unter-dem-hakenkreuz-a-709913.html), ausgestrahlt in der ARD.

Die Emissionen werden durch die Expansion des Flughafens durch die Landebahn Nordwest – ein volkswirtschaftliches Nullsummenspiel bei Gegenüberstellung von Gewinnen und externen Kosten – zwangsläufig weiter zunehmen.

Mit dem weiteren Ausbau des Flughafens Frankfurt wurde die Büchse der Pandora geöffnet, denn wie auch an dem Beispiel der Ablehnung der Olympischen Winterspiele 2022 in Bayern zu sehen ist, sind die Menschen wach geworden und lassen sich nicht mehr die kurzfristigen Vorteile eines Großprojekts zu Lasten langfristiger Nachteile – u. a. Zerstörung des örtlichen Lebensraumes - durch Wirtschaft, Politik und Lobbyisten vorgaukeln. Diese scharfe Sichtweise gibt es mittlerweile mit Blick auf einige Großprojekte, wie Stuttgart 21, Flughafen Berlin-Schönefeld, Flughafenausbau Rhein-Main, Flughafen Kassel-Calden, Nürburgring, Flughafen Frankfurt-Hahn, etc., alles Projekte bei denen Bürger nicht nur zusätzlichen exogenen Belastungen ausgesetzt sind, sondern trotz dieser Belastungen auch noch letzten Endes als Steuerzahler zusätzlich zur Kasse gebeten werden.

Was bleibt? Ach ja, Verkehrsminister Ramsauer meldete sich im März 2013 im ARD Morgenmagazin zu Wort: „Es muss wieder im Kosten- und Zeitrahmen möglich sein, solche Großbauprojekte zu meistern“. Hierzu soll von Experten ein Handbuch für Großprojekte erstellt werden. Ein Mitglied dieser „Reformkommission“ ist Roland Koch, „der als ehemaliger hessischer Ministerpräsident den "reibungslosen" Ausbau des Frankfurter Flughafens mitverantwortet habe und als Chef des Baukonzerns Bilfinger "Spitzenmanagement-Erfahrung" einbringe.“

… und der ehemalige Hochheimer Bürgermeister und heutige Fraport-Lobbyist Volker Zintel?

... der hatte sich im Februar 2013 beim Wirtschaftsrat der CDU in Mainz im Zusammenhang mit der Nordwestlandebahn wie folgt geäußert: „Mittlerweile sei es in Deutschland nahezu unmöglich, Großprojekte dieser Art zu verwirklichen. Zintel und Anwesende im Auditorium übten dabei massive Kritik an der
Wohlfühlgesellschaft in Deutschland, in der es nicht mehr möglich sei Änderungen des Status quo vorzunehmen.“ (http://www.wirtschaftsrat.de/wirtschaftsrat.nsf/id/nordwestlandebahn-am-frankfurter-flughafen-erfahrungen-nach-der-inbetriebnahme-de)

… und was ist nun die Wahrheit?

Ob sich die Hochheimer Bürger trotz der erheblich zugenommenen Belastungen durch den Flugverkehr und der nicht unerheblichen Einschnitte ins städtische Leben wirklich wohl fühlen und sich zur Wohlfühlgesellschaft in Deutschland zählen? – Es gibt derzeit nicht viel Hoffnung auf den von Politikern und Lobbyisten versprochenen Wohlstand durch den Flughafenausbau Frankfurt. Das der Region versprochene Wohlstandsszenario ist in Hochheim und bei den Menschen bisher nicht angekommen – der Hochheimer Stadtsäckel ist leer -! Jedoch sind in der Region die negativen Auswirkungen und zusätzlichen Belastungen durch den Flughafenausbau für jedermann deutlich hör- und spürbar wahrzunehmen!

Joachim Drews
(Vorstandsmitglied BI WIDEMA)

Abdruck in der Dezemberausgabe der "Lokalen Zeitung" ( http://www.zeitungsverlag-schenk.de )