Info 5 / 2001

Situationsbericht Herbst 2001 - Hier sind die Fakten

1. Gerichtsurteile

Zwei bemerkenswerte Urteile haben in der letzten Zeit die Aufmerksamkeit erregt:

So hat der 3. Senat des Oberverwaltungsgerichts Frankfurt/Oder die Standortbestimmung im Landesentwicklungsplan für den Flughafen Berlin-Schönefeld für nichtig erklärt. Die klagenden Gemeinden hatten darauf hingewiesen, dass sie in ihrer Planungshoheit eingeschränkt wurden und keine ordnungsgemässe Abwägung stattgefunden habe.

Fundierte Planungsverfahren haben nach dem Gerichtsurteil neu zu beginnen.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg gab einer Klage von Anwohnern des Londoner Flughafens Heathrow statt, das Menschenrecht auf ungestörte Nachtruhe sei missachtet und begründe einen Schadenersatzanspruch. Die britische Regierung prüft, ob für die 16 Nachtflüge in Heathrow ein Nachtflugverbot zu ergehen hat.

(In Frankfurt waren im Jahr 2000 insgesamt 45313 Nacht-Flugbewegungen zwischen 22:00 und 6:00 Uhr zu verzeichnen).

2. Fox-Route

Ende September hatten wir Gelegenheit unseren Standpunkt auf Beibehaltung und Optimierung der Fox-Route vor dem Arbeitskreis Lärmlastenausgleich der Fluglärmkommission am Frankfurter Flughafen vorzutragen.

Bekanntlich fordert WIDEMA, dass Eddersheim umflogen und zwischen Weilbach und Wicker über freiem Feld nach Norden abgedreht wird, der weitere Verlauf der „WIDEMA-Route“ führt entlang der A3ebenfalls weitgehend über unbewohntes Gebiet.

Die besonders betroffenen Orte Wicker, Massenheim, Delkenheim sowie Eddersheim und Weilbach werden derzeit nicht umflogen, sondern es wird über die Ortsränder oder direkt über die Orte geflogen.

WIDEMA kämpft weiter um die Beibehaltung und Optimierung der Fox-Route, weil wir dies als ersten, richtigen Schritt zu einer gerechteren Lärmverteilung ansehen.

Die Lärmbündelung über Wohngebiete muss abgeschafft werden.

Die Fox-Route hat die Anzahl der direkten Überflüge über WIDEMA-Land in etwa halbiert, die dadurch entstandenen Lärmpausen sind von der Bevölkerung dankbar angenommen worden. Die Route muss nur präziser geflogen werden.

Zwischen der Deutschen Flugsicherung (DFS) und WIDEMA wird derzeit noch kontrovers diskutiert, ob eine Optimierung, wie von WIDEMA verlangt, realisierbar ist. Ein Gutachten soll hier Klarheit schaffen und wurde in Auftrag gegeben. Sollte dieses Gutachten bestehende Optimierungsmöglichkeiten bejahen, ist die DFS am Zuge. Wenn dann nicht gehandelt wird, besteht nach unserer Ansicht eine sehr reale Aussicht der Durchsetzung auf dem Klageweg.

Zu der Anhörung am Flughafen waren auch Vertreter des Hochtaunuskreises eingeladen und haben die bekannten Positionen auf Abschaffung der Fox-Route vorgetragen.
Das kurioseste Argument ist von Politikern aus Hofheim zu hören, die allen Ernstes behaupten: Menschen, die schon immer Fluglärm ertragen mussten, sind daran gewöhnt, sie empfinden auch etwas mehr Lärm nicht als störend, während für Menschen, die bisher in ruhigeren Zonen lebten, bereits eine kleine Lärmbelästigung unerträglich und unzumutbar ist, - wir möchten diese Arroganz nicht weiter kommentieren.

3. Schwermaschinen

Die überproportional angehobene Anzahl startender Maschinen auf der Nord-Route bewirkt, dass die durchschnittliche Lärmminderung, verursacht durch die FOX-Route, z. B. in Wicker nur bei 1,3 dB liegt, da die lauteren Schwermaschinen den Dauerschallpegel nach oben treiben. Bis zu 70 % der insgesamt von FRA abfliegenden 3- und 4-motorigen Schwermaschinen starten über die lärmsensible Nord-Abflugroute, wobei die Lufthansa Flotte den größten Anteil stellt.

Es steht fest, dass von der DFS Flieger auf die Nord-Route geschickt werden, die vorher ausschliesslich über die Startbahn 18 West abflogen. Die 18 West ist zur Entlastung der Nord-Anrainer gebaut worden und wird seit Jahren dafür nicht genutzt. Ein Blick auf die Landkarte zeigt eindeutig, welcher Unfug da betrieben wird, die Abflüge lauter Schwermaschinen auf einen Leitstrahl über dicht besiedelte Wohngebiete zu bündeln und noch dazu gegen ansteigendes Gelände und Taunusberge.

Über den WIDEMA Antrag, die Anzahl der Schwermaschinen auf den Nord-Abflugrouten spürbar zu reduzieren, muss die Lärmkommission noch entscheiden.

4. Lärmmessungen

Die katastrophale Lärmsituation für Wicker und Umgebung (Eddersheim, Flörsheim, Weilbach, Massenheim, Delkenheim, Hochheim usw.) ist vom Institut DeBakom durch die ab Sommer 2000 durchgeführten Fluglärmmessungen eindrucksvoll belegt.

Die gemessene Höhe der Lärmpegel, deren Dauer, Frequenzstruktur und Anzahl am Tag und in der Nacht übersteigen schon jetzt das Mass der Zumutbarkeit.

Der Dauerschallpegel z. B. in Wicker liegt tagsüber zwischen 60 und 66 dB(A), nachts zwischen 55 und 60 dB(A), wobei Einzelschallereignisse mit bis zu 100,5 dB(A) gemessen wurden!

Das ist hochgradig gesundheitsschädlich!

Die von Fraport gemessenen bezw. errechneten Dauerschallpegel werden schöngerechnet und liegen im Durchschnitt um 5 bis 6 dB niedriger, als von unabhängigen Sachverständigen gemessen wird.

Da wir die Kosten für solche Messungen nicht aufbringen können, haben wir ein eigenes Messgerät angeschafft und werden in Kürze im Internet aktuelle Lärmberichte veröffentlichen.

Das gesamte Mess-System kostet rund DM 18.500,- und soll durch WIDEMA-Vermögen und Spenden finanziert werden. Den Kaufpreis haben wir durch zinslose Privat-Darlehen, die wir zurückzahlen müssen, aufgebracht. Hierfür ist eine Spendenaktion angelaufen, die wir wärmstens empfehlen.

Der augenblickliche Stand ist wie folgt:

Fehlbetrag ca. DM 8.500,00 Spendenstand: DM 2.775,00
5. Lärmkommission

Das noch aus Zeiten Bau der Startbahn West in der Fluglärmkommission und in der Arbeitsgruppe Lärmlastenausgleich bestehende Ungleichgewicht der Stimmenanteile zwischen Nord- und Südanliegern des Flughafens muss abgeschafft und an die neue Situation angepasst werden.

WIDEMA fordert, dass die Stadt Flörsheim einen Sitz mit vollem Stimmrecht erhält, die Stadt Hochheim einbezogen wird und dass die Vertreter der Städte Mainz und Wiesbaden volles Stimmrecht erhalten.

6. Nachtflüge

Nach wie vor fliegen Nachtpostmaschinen zwischen 01:00 und 2:30 Uhr teilweise auf der alten Route, also wieder über WIDEMA-Orte und nicht auf der Fox-Route. Statt früher 7 Maschinen sind es jetzt zwischen 9 und 11 Maschinen. Dies muss unverzüglich abgestellt werden.

Von der Fluglärmkommission ist auf Grund des WIDEMA-Antrags zwar entschieden worden, dass ab 19.04.01 nachts keine Schwermaschinen über die Nordabflugstrecke rausgehen.

Da nachts aber am Flughafen keine Engpässe am Boden bestehen, könnte auch der noch bestehende (abzuschaffende) Nachtflugverkehr vorübergehend über lärmunsensible Südrouten abgewickelt werden, bis über eine endgültige Verlagerung entschieden ist.

In diesem Zusammenhang möchten wir auch die kürzliche Entscheidung des Verkehrsministers Posch erwähnen, der sich erneut weit ausserhalb des von der Mediation vorgegebenen Rahmens bewegt. Fast einhellig (mit einer Ausnahme) hat die Presse kommentiert, was man von diesem Bescheid zu halten hat. Da ist die Rede von dilletantisch, untauglich, Rückschritt, Umfaller, Possenspiel, Scheinheiligkeit, Mogelpackung usw., aber auch auf den Verlust der Rechtssicherheit für ein Nachtflugverbot wird hingewiesen.

Einzige Ausnahme in der Beurteilung des Ministerentscheids war der “Flughafenexperte” des Höchster Kreisblattes, dessen Kommentar der verblüffte Leser entnehmen konnte, dass dieser Vorschlag doch tatsächlich eine Wohltat für lärmgeplagte Leute sei, wohl gar eine Jahrhundertleistung, wobei er vergisst, dass es völlig unerheblich ist, ob man nachts bei 75 oder bei 72 dB aus dem Schlaf gerissen wird, er vergisst auch, dass durch den Posch-Vorschlag durch die Hintertür mehr Nachtflüge möglich werden.

WIDEMA Meinung: Die Entscheidung des Ministers ist absolut entbehrlich. Hier wird eine bürokratische Erbsenzählerei aufgebaut, die Verstösse nicht ahndet und einer Einführung eines Nachflugverbotes in keiner Weise dienlich ist.

Es gibt Stimmen, die zu Recht sagen, hier wird einer vorsätzlichen Körperverletzung durch Sanktionierung des nächtlichen Fluglärms Vorschub geleistet.

7. Forderungen an die Deutsche Flugsicherung

Schutz der Bevölkerung und der Natur vor Fluglärm und Schadstoffen aus der Luft muss Vorrang haben vor den wirtschaftlichen Interessen der Fluggesellschaften und Fraport.

Geringfügige Umwegstrecken der Schwermaschinen im Verhältnis zur Gesamtflugstrecke fallen nicht ins Gewicht.

Die Maschinen in Richtung TABUM (Giessen) und GOGAS (St.Goar) dürfen nicht mehr über ein antiquiertes Leitstrahlkonzept geführt werden, sondern müssen mittels „way-points“ über unbewohntes Gebiet geleitet werden.

Es muss nach Süden und Norden entsprechend gestreut werden.

Politische und technische Gründe, die eine gerechtere Lärmverteilung angeblich verhindern (Schutz des Luftraums für die Hubschrauber in Erbenheim), müssen aus der Welt geschafft werden.

Maschinen, die eine Höhe von 3500 Fuß erreicht haben und trotzdem erst über oder hinter Wicker abdrehen, müssen zwingend schon vor Wicker die Fox-Route einhalten.

WIDEMA erkennt an, dass die DFS eine schwierige Aufgabe zu erfüllen hat.

Sie muß Flugzeugen zu einem sicheren Start und zu einer sicheren Landung verhelfen.

Sie muss die Sicherheit des Luftraums und damit auch unsere Sicherheit gewährleisten.

WIDEMA erkennt nicht an, dass die DFS bisher kaum Verantwortung für den Lärmschutz der Bevölkerung dieser Region übernimmt, obwohl ausschliesslich durch DFS Entscheidungen den Bürgern ein mehr oder weniger an Fluglärm diktiert wird.

Die DFS, die sowohl über die fachliche Kompetenz, als auch über die technischen Möglichkeiten verfügen sollte, Fluglärm zu verteilen, wird dieser Verantwortung nicht gerecht.

Von Fluglärm geplagte Bürger stufen die DFS so lange als Interessenvertreter des Flughafenbetreibers und der Fluggesellschaften ein, bis erkenntlich wird, dass die DFS auch die Gesichtspunkte einer Lärmminderung und einer möglichst ausgewogenen Lärmverteilung in ihre Entscheidungen einbezieht.

Die Rangfolge muss lauten : - Sicherheit - Lärmschutz - Wirtschaftlichkeit - und es darf nicht, wie heute vielfach erkennbar, wirtschaftlichen Überlegungen ein höherer Stellenwert eingeräumt werden, als der Gesundheit und dem gebotenen Lärmschutz.

Der Schutz der Gesundheit der Menschen und der Natur ist vorrangig, die Verbesserung der Lebensqualität geht alle an.

Unsere Bürgerinitiativen setzen sich dafür ein.

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