Info 11 / 2004

Mitgliederversammlung 28.04.04 [490 KB] (als pdf)

Infobrief Nr. 11, 25.04.2004

Liebe Mitglieder, Förderer und Freunde der WIDEMA,

unser heutiger Infobrief gibt Ihnen erneut eine Übersicht über wesentliche Entwicklungen im Zusammenhang mit dem geplanten Ausbau des Frankfurter Flughafens und enthält Informationen, die wir für berichtenswert halten.

Mitgliederversammlung

Auf unserer gut besuchten öffentlichen Mitgliederversammlung am 28.04.2004 zeigten sich Vorstand
und Mitglieder zufrieden mit den bisher auf dem Verhandlungsweg erzielten Ergebnissen zur Ver-minderung des Fluglärms im Anfangsbereich der Nordabflugstrecken TABUM/GOGAS.
Die Presse hat ausführlich berichtet, deshalb fassen wir nur kurz zusammen.

Die Kommission zur Abwehr des Fluglärms hat folgende WIDEMA-Vorschläge übernommen:

Einrichtung der FOX-Route, Verlauf über freies Feld zwischen Wicker und Weilbach
entlang der A3Präzisierung der Soll-Linie der FOX-RouteAbschaffung des Flugkorridors rechts und links der FOX-RouteEinführung des Steilstartverfahrens zur Lärmminderungkeine nächtlichen Starts 3- und 4-strahliger Flugzeuge über die Nordabflugstrecken
TABUM/GOGAS
Unsere Anträge über die Entlastung der Nordabflugstrecken von lauten 3- und 4-strahligen Flug-
zeugen, über die Benutzung der Nacht-GOGAS-Strecke auch tagsüber und über die Öffnung der Start-
bahn 18 West auch als Landebahn u. a. sind noch offen.

Bis zu 39 Überflüge mit Einzelschallwerten > 80 dB(A) werden täglich in Flörsheim-Wicker gemessen. Dieser überproportional hohe Anteil überlauter Überflüge ist im gesamten Rhein-Main-Gebiet einmalig.
Hier muss ein ausgewogener Lärmlastenausgleich erfolgen.

Wir werden uns weiter dafür einsetzen, dass für die Gesamtregion ein ausgewogenes Fluglärmminderungskonzept erstellt wird. Fluglärm muss nach Raum und Zeit verteilt werden.

Nachstehend zeigen wir Ihnen die Fluglärm-Entwicklung der ersten 4 Monate dieses Jahres i. M. pro Tag.
Werte des Jahres 2003 in Klammern ( ):

2004 (2003) Januar Februar März April
         
Westbetrieb % 77,4 (76,5) 67,7 (50,1) 59,5 (58,5) 47,3 (50,5)
         
Überflüge Tag 132 (144) 172 (158) 164 (174) 163 (152)
Überflüge Nacht 15 (17) 14 (21) 13 (17) 13 (19)
Gesamt 147 (161) 186 (179) 177 (191) 176 /(171)
         
> 60 dB(A) 74 (96) 101 (113) 96 (115) 88 (91)
> 70 dB(A) 45 (42) 49 (42) 43 (47) 49 (48)
> 80 dB(A) 28 (23) 36 (24) 38 (29) 39 (32)
         
Dauerschallpegel Tag 59,2 (58,7) 60,8 (58,6) 61,5 (60,0) 59,5 (60,2)
Nacht 44,7 (45,0) 44,5 (45,9) 45,0 (45,6) 44,3 (47,9)

Sicherheitsrisiko

Intensiv wurde während der Mitgliederversammlung das Sicherheitsrisiko durch das Überfliegen des Chemiewerks Ticona diskutiert. Hier bestehen bereits heute erhebliche Risiken durch die derzeitigen Überflüge über das Werk.
Fraport und Ausbaubefürworter, allen voran namhafte Landespolitiker, versuchen dieses Risiko klein
zu reden. Wie brisant die Situation heute schon ist, hat der Leiter der Bundes-Störfallkommission, Prof. Jochum, kürzlich auf einer Veranstaltung in Hattersheim eindrucksvoll dargestellt. Das Risiko sei so hoch, dass unverzügliche Maßnahmen erforderlich seien.

Wie auf der gleichen Veranstaltung berichtet wurde, ist die Gefahr eines Vogelschlages gerade in dem Dreieck Ticona/Autobahnbrücke/Schleuse Eddersheim ein zusätzliches Risiko, weil hier riesige Schwärme Lachmöwen in kritischer Höhe in den Flugrouten kreisen. Wie gefährlich das ist, zeigt der kürzliche Zwischenfall am Flughafen Düsseldorf. Beim Start eines fast voll besetzten Airbus A320 sind während des Steigflugs Vögel in ein Triebwerk geraten. Die Maschine ist mit nur noch einem intakten Triebwerk nach Düsseldorf zurückgekehrt und dort notgelandet.
In München hat es vor wenigen Tagen einen Beinahe-Zusammenstoß zwischen einer landenden B737
und einem zum gleichen Zeitpunkt auf die Landebahn rollenden Propellerflugzeug gegeben.

WIDEMA:

Wann werden die Verantwortlichen konkret etwas zur Erhöhung der Sicherheit tun und das heute
schon bestehende Risiko (Ticona-Überflüge) entschärfen?Die gebetsmühlenartig wiederholten Aussagen zum angeblich so hohen hiesigen Sicherheits-
standard sind Lippenbekenntnisse und werden hoffentlich niemals durch eine Katastrophe ad
absurdum geführt.

Planfeststellung

Dem Vernehmen nach steht das Planfeststellungsverfahren für die neue Wartungshalle für das Großraum-flugzeug A380 auf tönernen Füßen.
Kommunen und namhafte Rechtsanwälte sehen eklatante Antrags- und Verfahrensfehler, die einen etwaigen Planfeststellungsbeschluss gerichtlich angreifbar machen könnten.
Es ist fraglich, ob das derzeitige Bahnensystem am Frankfurter Flughafen überhaupt für Starts und Landungen des „Riesenvogels“ geeignet ist. Eine Genehmigung hierfür liegt bis jetzt nicht vor.
Es ist auch völlig ungeklärt, wie man Passagiere und Gepäck in das Flugzeug hinein oder heraus bringt bzw. wie diese Maschine betankt werden soll. Mit den vorhandenen Einrichtungen jedenfalls ist das nicht zu bewerkstelligen. Im Übrigen, so war zu lesen, erfüllt die derzeitige Konstruktion des Flugzeugs u. a. nicht die internationale Sicherheitsvorschrift, wonach im Havariefall die Passagiere innerhalb 90 Sekunden evakuiert sein müssen.

Der Fluglärmschutzbeauftragte des Hessischen Ministeriums für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung auf dem Flughafen Frankfurt (FLB)

Nachstehende Ausführungen sind keine Glosse, auch kein Märchen, sondern schildern die Wirklichkeit.

Da beschwert sich eine verängstigte Hochheimerin bei der Fluglärm-Beschwerdestelle der Fraport AG:
„Normalerweise überfliegen startende Flugzeuge bei Westbetrieb mein Haus von Ost nach West.
Am 01.12.2003 um 23:11 Uhr wurden wir durch ein Flugzeug aufgeschreckt, das entgegengesetzt zur
üblichen Startrichtung von West nach Ost unser Haus überflog und zwar außerordentlich niedrig.
Wir waren sehr beunruhigt, weil wir sofort an einen Notfall dachten.“

Antwort Fraport: „Das Flugzeug ist identifiziert, der FLB wird sich melden.“
Dieser hat sich dann gemeldet und das Flugzeug als eine um 23:18 Uhr in Frankfurt gestartete Maschine identifiziert, die das Wohngebiet der Betroffenen in Hochheim in 579 m Höhe überflogen habe.Die verunsicherte Bürgerin hat nun erneut den FLB angeschrieben und gefragt, wie es denn kommt, dass ein Flugzeug, das um 23:18 Uhr in Frankfurt startet, nach ihrer Beobachtung, bereits um 23:11 Uhr Hochheim überfliegt und zwar in entgegengesetzter Richtung. Nach erneuter Prüfung hat der FLB wieder geantwortet. Nachstehend ein wörtlicher Auszug mit der überraschenden Aussage, dass aus der startenden inzwischen eine landende Maschine geworden ist: „…Pilot erhielt Landefreigabe auf Bahn 07. Wegen zu hoher Anfluggeschwindigkeit führte dies zu einem Überschießen. Ergebnis: zweimaliger Überflug von Rüsselsheim in 579 m Höhe. Dadurch entstand unnötiger Fluglärm in Hochheim….“

Wer jetzt darüber lacht, hat zwar recht, aber eigentlich ist es zum Heulen. Das ist doch Chaos pur am Himmel über dem Rhein-Main-Gebiet.
Da orgelt ein landendes Flugzeug einer zum gleichen Zeitpunkt nach Westen startenden Maschine in die Abfluglinie hinein, verfehlt auch noch die Landeschwelle und muss Durchstarten zum zweiten Anlauf. Wir halten das für extrem gefährlich.
Der FLB klärt nicht etwa auf, wie es seine Aufgabe wäre, sondern gibt Kauderwelsch von sich.
Öffentliche Auftritte des FLB verlaufen ähnlich und sind weit davon entfernt, bei der Bevölkerung verloren gegangenes Vertrauen wieder herzustellen.

Herr Fluglärmschutzbeauftragter Georg M. Müller, das müssen Sie besser machen!!!

Regionales Dialogforum

Im Planfeststellungsantrag der Fraport zum Bau der neuen Landebahn ist auch ein Passus für die Einführung eines Nachtflugverbots für planmäßige Starts und Landungen zwischen 23:00 und 05:00 Uhr (Mediationsnacht) enthalten. Dieser Antrag wurde im RDF diskutiert und von Ausbaugegenern äußerst kritisch bewertet. Der Antrag enthält eine Generalklausel, womit, auch nach unserer Auffassung, durch die Hintertür der heutige Zustand wieder eingeführt werden könnte.
Die rechtsübliche Nacht geht von 22:00 Uhr bis 06:00 Uhr!
Hier besteht noch erheblicher Diskussionsbedarf.
Auf der letzten Sitzung des RDF wurde u. a. ein Gutachten und dessen Qualitätssicherung vorgestellt unter dem Titel „Praxisorientiertes Umsetzungskonzept zur Verlagerung der Flugbewegungen in den Zeiten des geplanten Nachflugverbotes am Frankfurter Flughafen“.
Erneut bekräftigen wir unseren bereits früher geäußerten Standpunkt, dass für dieses Gutachten kein Bedarf besteht. Die Mehrheit im RDF sieht das anders.
Wir werden uns der Diskussion nicht verschließen und zu gegebener Zeit über den Fortgang berichten. Am 15. Juni 2004 findet ein Hearing zu o. a. Gutachten statt. Dort werden die Gutachter vortragen und sich kritischen Fragen stellen müssen. Gleichzeitig wird eine Reihe der von einem Nachtflugverbot Betroffenen ihre Standpunkte darlegen. Wir gehen davon aus, dass Klagen gegen ein Nachtflugverbot zu erwarten sind. Wir werden selbstverständlich an diesem Hearing teilnehmen.
Niemand kann ernsthaft annehmen, dass betroffene Fluggesellschaften ohne Einsatz von Rechtsmitteln klaglos hinnehmen, wenn sie durch das Nachtflugverbot in Frankfurt wirtschaftlich „benachteiligt“ werden. Die Verschiebung von Flügen in den Tag oder in Tagesrandzeiten oder die Verlagerung zu anderen Flughäfen wird Kosten im dreistelligen Millionenbereich ausmachen.

Es ist schon eine spannende Frage: Woher kommt das notwendige Geld?
WIDEMA ist nach wie vor der festen Überzeugung, dass der Ballungsraum Rhein-Main einen Ausbau des Frankfurter Flughafens nicht verkraften kann.

Bekanntlich fordert die Europäische Union eine erneute Überprüfung aller Varianten. Die inzwischen durch die EU und die Bundes-Störfallkommission aufgezeigten und die während der Anhörung zum Bau der Wartungshalle für den A380 deutlich gewordenen Probleme werden einen Neubau um Jahre verzögern. Das Festhalten am bisherigen Ausbaukonzept wird Millionen verschlingen.

Es erscheint uns eher geboten, über ein Flughafensystem (mit Fraport als zentralem Hub und Satellitenflughäfen) nachzudenken, das einen Ausbau überflüssig macht.

Letzte Meldung:

Hess. Landesregierung und Fraport müssen eingestehen:
Ausbau verzögert sich um Jahre.

Nach Ansicht der Landesregierung trifft die Fraport AG die Schuld. Verschwiegen wird die Schuld des Regierungspräsidenten (RP), der das Sicherheitsrisiko Ticona nicht berücksichtigt hat.
Verschwendete Steuergelder!

Die geplante NW-Bahn wird nicht 2007, sondern frühestens 2009 oder später fertig. Hierzu kommen noch Verzögerungen durch Klagen der Ausbaugegner.

Jetzt erkennen die Bürger: Fraport samt Aufsichtsrat, die Lufthansa und Sonstige, die am Ausbau Interessierte sind, haben uns permanent falsche Aussagen aufgetischt.
Damit ist jetzt Schluss!

Vor vier Jahren hat sich der hess. Ministerpräsident, Roland Koch, festgelegt, dass der Frankfurter Flughafen eine weitere Landebahn braucht und auch bekommen soll - in seiner Funktion als Chef der für die Genehmigung verantwortlichen Landesregierung und als Aufsichtsratsvorsitzender von Fraport.
Seitdem haben sich Fraport und die hess. Landesregierung immer mehr im Gewirr von Planungsrecht, politischen Vorgaben und hinhaltenden Versprechungen an lärmgeplagte Anwohner und Ausbaugegener festgefahren. Das Chemiewerk Ticona, das genau in der Einflugschneise der neuen Landebahn liegt, hat man erst „entdeckt“, als die EU bei Nichtberücksichtigung der SEVESO II-Verordnung mit Klage gegen die Bundesrepublik drohte. Dass die Bahn ein potenzielles Naturschutzgebiet (wird plötzlich als FFH-Gebiet nach Brüssel gemeldet!) einebnen würde, bezeichnete der RP als „umweltverträglich“!!.
Auf die versprochene rechtsverbindliche Garantie, eine vierte Bahn werde nur gebaut, wenn es ein Nacht-flugverbot geben werde (Anm. WIDEMA: 23:00 – 05:00 Uhr), warten die lärmgeplagten Bürger in unserer Region noch immer. Nichts als „blauer Dunst“.
Vor diesem Hintergrund soll das Verkehrsministerium ein Genehmigungsverfahren durchdrücken, das einen gerichtsfesten Eindruck erwecken soll. Sicher ist, dass die bisherigen Verzögerungen nicht die letzten sein werden.

WIDEMA muss weiter so erfolgreich kämpfen mit Ihrer Unterstützung.

Wir wünschen Ihnen allen eine schöne, vor allem lärmarme und erholsame Ferienzeit.


WIDEMA e.V.
Der Vorstand